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Zitierangaben: Vergabeblog.de vom 28/02/2025 Nr. 70072

„Wir zeigen als Land, wie es gehen kann!“ Interview mit Dirk Schrödter, Minister und Chef der Staatskanzlei in Schleswig-Holstein

Wie kann Deutschland digital souverän werden? Und welche Rolle spielt die öffentliche Beschaffung dabei? Ein Gespräch mit Minister Dirk Schrödter

Dirk Schrödter

Dirk Schrödter ist Chef der Staatskanzlei sowie Minister für Digitalisierung und Medienpolitik in Schleswig-Holstein. Das Bundesland gilt als Vorreiter bei der digitalen Transformation der Verwaltung – mit einem klaren Fokus auf Open Source. Ziel ist es, die Abhängigkeit von großen IT-Konzernen zu verringern und eine nachhaltige, transparente IT-Infrastruktur zu schaffen. Doch wie gelingt der Umstieg auf freie Software in der Praxis? Welche Herausforderungen gibt es? Und welche Rolle spielt Open Source für die Verwaltung der Zukunft? Minister Schrödter hat uns in einem exklusiven Interview seine Perspektiven und Einschätzungen dazu erläutert.

DVNW: Herr Minister, Sie betonen häufig die Bedeutung der digitalen Souveränität. Die Definition dafür ist jedoch nicht einheitlich – Was verstehen Sie persönlich unter digitaler Souveränität und warum ist sie für Sie so essenziell?

Dirk Schrödter: In einer digitalen Welt müssen wir unsere Rolle – sei es als Staat, als Institution, als Bürgerinnen und Bürger oder Unternehmen – jederzeit selbstbestimmt, sicher und eigenständig wahrnehmen können, ohne von Dritten abhängig zu sein. Diese Fähigkeit, eigenständig und verantwortungsbewusst zu handeln, fasst den Begriff der digitalen Souveränität zusammen und ist insbesondere für den Staat von doppelter Bedeutung. Denn dieser kann seine Aufgaben nur dann autonom, sicher und eigenständig erfüllen, wenn er Herr über die Betriebsprozesse seiner IT-Systeme ist und über die Datenhaltung von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen selbst bestimmt. Dies erfordert ein hohes Maß an technologischer und organisatorischer sowie wirtschaftlicher Unabhängigkeit.

DVNW: Wie sehr sind Deutschland und Europa derzeit Herr dieser Betriebsprozesse? 

Schrödter: Werfen wir einen Blick auf die Bürosoftware, mit der wir täglich arbeiten, und fragen uns: Wie viel Einfluss haben wir eigentlich auf die Entwicklung der eingesetzten Standardsoftware? Häufig nutzen wir Office-Lösungen, bei denen wir keinerlei Mitspracherecht hinsichtlich der Funktionen oder der Weiterentwicklung besitzen. Diese Problematik wird noch gravierender, wenn wir die zukünftige Arbeitsweise der Verwaltung betrachten. Künftig arbeitet die Verwaltung datenbasiert, automatisiert, algorithmisiert – und vor allem in der Cloud, also cloudifiziert. Dabei verlagert die Bearbeitung von Vorgängen und die Datenverarbeitung mittels unserer Bürosoftware zunehmend in die Hersteller-Clouds, die sich in Rechenzentren irgendwo auf der Welt befinden. Dadurch verlieren wir nicht nur die Kontrolle über die Betriebsprozesse unserer IT-Systeme, sondern auch über die Datenhaltung. Selbst Vorgaben, die eine Speicherung von Daten in europäischen Staaten fordern oder Zusagen von Unternehmen, dies zu tun, wie beispielsweise von Microsoft, können Rechtsakte mit extraterritorialer Wirkung, wie der Cloud-Act, nur bedingt entgegenwirken. Wir stehen hier vor einer riesen Herausforderung, die unsere innere und äußere Sicherheit gefährdet. Digitale Souveränität ist von nationaler Bedeutung und muss als nationale Aufgabe begriffen werden.

DVNW: Im November 2024 hat Schleswig-Holstein die „Open Innovation und Open Source Strategie“ veröffentlicht, die die digitale Souveränität stärken soll. Welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit dieser Strategie?

Schrödter: Zum einen möchten wir digitale Souveränität erreichen, indem wir proprietäre Software schrittweise durch Open Source Lösungen ersetzen. Dabei setzen wir bewusst auf ein Netzwerk von Anbietern offener Lösungen, die Transparenz und offene Schnittstellen fördern. Zum anderen zielt die Strategie darauf ab, ein System offener Innovationen zu etablieren, das Wettbewerb und Innovation beflügelt. So verbinden wir den Gedanken der Unabhängigkeit mit der wirtschaftlichen Entwicklung am Digitalstandort – Stichwort „Digitalstandort Deutschland“ – und sichern damit langfristig die digitale Zukunft Europas.

DVNW: Welche konkreten Projekte sind derzeit in Planung oder bereits in Umsetzung, um diese Ziele zu erreichen?

Schrödter: Derzeit ersetzen wir konsequent unsere Standard-Office-Software. Wir haben den Umstellungsprozess so weit vorangetrieben, dass wir künftig zu 100 % auf LibreOffice setzen und Microsoft Office damit ablösen. Im Bereich der E-Mail-Kommunikation setzen wir auf Open-Xchange an Stelle von Microsoft Exchange als zentrales Element, was auch den Wechsel vom Outlook zu Thunderbird als Client beinhaltet. Darüber hinaus setzen wir auf eine offene Kollaborationsplattform auf Basis von Nextcloud und lösen sharepoint ab. Für all diese Projekte haben wir einen ganz klaren Rollout-Fahrplan. Der sieht vor, dass wir diese Umstellungen bis Ende September 2025 abgeschlossen haben. Und wir starten einen Piloten, um perspektivisch zu Linux zu wechseln. Ich freue mich auf meinen neuen Rechner.

DVNW: Wie kommt diese Umstellung der Standard-Office-Software bei den Mitarbeitenden an?

Schrödter: Es ist natürlich ein Umgewöhnungsprozess für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir bieten jedoch umfangreiche Unterstützung und wir kommunizieren deutlich, warum diese Umstellung notwendig ist: um digitale Souveränität zu schaffen und den Staat auch in Zukunft souverän zu halten. Gerade Verwaltungsmitarbeiter haben dafür einen besonderen Blick und ein sehr großes Verständnis. Bei diesem Change-Prozess begleiten wir unsere Teams mit Change-Management-Maßnahmen, Schulungen und Erklärvideos. Handbücher und ein umfassendes Unterstützungsangebot stehen ebenfalls zur Verfügung. Unsere bisher eingesetzte Standardsoftware bietet keinen Verlust an Funktionalität, und nach bisherigem Feedback vermissen die Mitarbeiter ebenfalls nichts.

DVNW: Wie nehmen die Kollegen und Kolleginnen auf politischer Ebene, z.B. im Landtag, Ihre ambitionierten Vorhaben auf? Erfahren Sie hier größtenteils Unterstützung oder gibt es auch Leute, die dagegenhalten?

Schrödter: Das ist sehr unterschiedlich. Ich glaube, jeder sieht mit Blick auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen die Notwendigkeit digitaler Souveränität. Nicht nur im Bereich der Energiesicherheit – wo in den vergangenen zweieinhalb Jahren deutlich wurde, wie wichtig es ist, sich von bestehenden Abhängigkeiten zu lösen. Auch im digitalen Sektor drängt es, eigene europäische Lösungen zu entwickeln. Dabei ist jedem bewusst, dass dieser Wandel mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist. Für Personen, die sich bislang weniger intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, mag der erforderliche Umbau zunächst als überwältigend erscheinen.

DVNW: Genau das ist einer der Hauptkritikpunkte: Dass der Umstieg auf Open-Source-Lösungen mit hohen Anfangsinvestitionen und Schulungsaufwänden verbunden ist – kurz, dass diese Umstellung zu teuer und zu kompliziert ist. Wie begegnen Sie diesen Bedenken?

Schrödter: Unser Ansatz beruht auf einem gut durchdachten, schrittweisen Prozess. Dafür haben wir abgestufte Migrationspfade entwickelt, die es ermöglichen, neue Lösungen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten einzuführen. Aus meiner Erfahrung zeigt sich, dass eine transparente Kommunikation der Vorgehensweise, der Zielsetzungen und der eingesetzten Instrumente großen Zuspruch hervorruft. Wir müssen uns aber auch immer die Frage stellen: Was ist uns digitale Souveränität insgesamt wert? Kann man den Wert digitaler Unabhängigkeit wirtschaftlich ausreichend hoch ansetzen? Dabei geht es nicht nur um technologische Unabhängigkeit, sondern auch um wirtschaftliche Aspekte. Aktuell sind wir in einem System gefangen, das durch hohe Lizenzgebühren in monopolartigen Strukturen geprägt ist. Diese Belastung wird sich weiter verschärfen, wenn Hersteller-Cloud-Systeme, die noch tiefere Abhängigkeiten schaffen, zum Einsatz kommen – was zusätzlich zu erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen führt.

DVNW: Als Digitalisierungsminister liegt Ihnen viel daran, die Verwaltung so schnell wie möglich zu digitalisieren. Wäre es für dieses Vorhaben nicht einfacher, auf proprietäre Lösungen zu setzen – einfach weil sie schneller zu implementieren sind? Können diese beiden Vorhaben – eine zügige und umfassende Digitalisierung und die langwierige, schrittweise durchgeführte Implementierung von Open Source Software – überhaupt parallel umgesetzt werden?

Schrödter: Sie können nicht nur parallel umgesetzt werden – sie müssen es auch. Die Implementierung von Open Source-Lösungen ist geradezu ein Booster für die Digitalisierung. Ich habe davon gesprochen, dass die Zukunft der Verwaltung datenbasiert, cloudifiziert, automatisiert und algorithmisiert sein wird. Wir stehen gerade an der Schwelle dieser neuen Zeit und es ist besser, in dieser Umbruchphase gleich von Anfang an auf digital souveräne Lösungen zu setzen. Es wird neue Formen der kollaborativen Zusammenarbeit geben. Und diese verlangen von Beginn an den Einsatz von Systemen, die Unabhängigkeit und Transparenz gewährleisten.

DVNW: Sie haben Prozesse erarbeitet, die dabei helfen sollen, die Implementierung von Open Source Software für die Endnutzerinnen und Endnutzer zu vereinfachen. Wie sieht es denn mit den Leuten in den Beschaffungsämtern aus? Für Ausschreibungen in diesem Bereich bedarf es beispielsweise fundiertere technische Kenntnisse – was oftmals vor allem in kleineren Kommunen wegen des Personalmangels einfach nicht möglich ist. Wie wollen Sie die Beschaffung von Open Source für alle – auch für kleinere Kommunen – zugänglich machen?

Schrödter: Wir zeigen als Land, wie es gehen kann und verstehen uns als Pionier und Vorbild. Mit unserem IT-Dienstleister und in Abstimmung mit dem IT-Verbund Schleswig-Holstein streben wir an, uns so aufzustellen und zu organisieren, dass neue Lösungen breit ausgerollt und eingesetzt werden können. Zugleich müssen wir anerkennen, dass gerade in den Kommunen Fachkräfte knapp sind – eine Herausforderung, die unabhängig davon besteht, ob proprietäre oder Open-Source-Lösungen zum Einsatz kommen. Es gilt, diese Problematik durch kluge Mechanismen und zentrale Angebote zu adressieren, die insbesondere kleinere Kommunen mit entsprechendem Know-how unterstützen.

DVNW: Welche Rolle spielt das Vergaberecht in der Umsetzung Ihrer Pläne?

Schrödter: Das Vergaberecht stellt einen wesentlichen Hebel dar, um den Einsatz von Open Source Software und die Förderung offener Innovationen voranzubringen. Aus meiner festen Überzeugung heraus müssen wir im Vergaberecht gezielt Möglichkeiten schaffen, solche Software vorrangig zu beschaffen und einzusetzen – immer mit dem übergeordneten Ziel, digitale Souveränität zu erreichen. Zugleich müssen wir unsere öffentlichen Budgets neu ausrichten. Es gilt, nicht weiterhin primär Lizenzgebühren für große Anbieter zu finanzieren, sondern durch gezielte Vergabepraxis vor Ort passgenaue Open Source Lösungen in Zusammenarbeit mit hochprofessionellen Unternehmen zu beauftragen und in Open Source Lösungen zu investieren. Dies sichert nicht nur die wirtschaftliche Perspektive der in diesem Bereich tätigen Unternehmen, sondern trägt auch maßgeblich zur nachhaltigen digitalen Unabhängigkeit bei.

DVNW: Sie sprechen davon, im Vergaberecht Möglichkeiten zu schaffen – Kritikerinnen und Kritiker würden hier jedoch eher von neuen Regeln sprechen. Es gibt durchaus Leute – sowohl aus der Wirtschaft als auch aus der Politik – die genau davor warnen: Vor übermäßiger Regulierung und der damit einhergehenden Bürokratie im Bereich der öffentlichen Beschaffung. Wie stehen Sie zu dieser Perspektive? 

Schrödter: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass wir überbordende Bürokratie abbauen müssen. Wir sehen tagtäglich, dass in bestimmten Bereichen Regelwerke entstanden sind, die uns daran hindern, schnell zu agieren – etwa bei Planungs- und Genehmigungsverfahren für Bau- oder Industrievorhaben. Ähnliches gilt auch für das Vergaberecht, in dem viele Vorgaben sehr komplex geregelt sind und uns tagtäglich vor Herausforderungen stellen. Eine Regelung zum Vorrang zur Beschaffung von Open-Source-Software ist hingegen einfach und unkompliziert und lässt sich zügig umsetzen. Wir müssen einerseits die Regelwerke straffen und andererseits klar definieren, was wir für unseren Standort grundsätzlich erreichen wollen.

DVNW: Eine klar definiertes Regelwerk geht in den meisten Fällen mit einem dazugehörigen Nachweis einher. Wie stellen Sie sich das hier vor? Eine Art Plakette für digitale Souveränität? 

Schrödter: Man kann hier viele Spielarten durchdenken. Eine Möglichkeit besteht durchaus darin, entsprechende Zertifizierungen für Produkte zu etablieren, die als Kriterium in Vergabeverfahren mitberücksichtigt werden können. Klassischerweise fordert das Vergaberecht den wirtschaftlichsten Anbieter – doch wenn gerade dieser Anbieter zu stärkeren Abhängigkeiten führt, muss dieser Aspekt mitgedacht und in den Vergabekriterien berücksichtigt werden. Dabei sind auch Faktoren wie Investitionszeiträume und nachhaltige Wirtschaftlichkeit zu beachten. Wir müssen aber auch in den Verwaltungen ein verändertes Mindset etablieren, das die Bedeutung digitaler Souveränität neu bewertet.

DVNW: Wie könnte man Ihr Vorhaben – also die Förderung der digitalen Souveränität von staatlichen Institutionen – weiter voranbringen? Was müsste Ihrer Meinung nach in der nahen Zukunft dafür auf Bundesebene passieren?

Schrödter: Unser Ansatz ist klar: Systeme umbauen, alte Strukturen ablösen und damit den Weg zu digitaler Souveränität ebnen. Dafür braucht es ein eindeutiges Commitment – auch auf Bundesebene. Im kommenden Koalitionsvertrag sollte etwa festgelegt werden, dass digitale Souveränität mittels des gezielten Einsatzes von Open-Source-Lösungen erreicht werden soll. Zudem könnte ein konkretes Ziel als Leitbild dienen. Beispielsweise das Erreichen der vollständigen digitalen Souveränität bis zum Jahr 2035. Ein solches Leitbild motiviert alle Beteiligten, den notwendigen Wandel aktiv mitzugestalten. Gleichzeitig müssen wir unsere öffentlichen Budgets so umsteuern, dass wir nicht immer wieder auf neue Förderprogramme angewiesen sind, sondern aus den regulären Haushaltsmitteln heraus Schritt für Schritt die Transformation vorantreiben. Es geht darum, den großen Berg der digitalen Transformation in machbare Teilprojekte zu zerlegen. Statt die Herausforderung als unüberwindbare Hürde zu sehen, brauchen wir einen klaren Fahrplan mit konkreten Meilensteinen, der uns Schritt für Schritt den Umstieg ermöglicht – so, wie wir es in Schleswig-Holstein bereits erfolgreich praktizieren.

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