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Zitierangaben: Vergabeblog.de vom 21/04/2026 Nr. 74022

7 schnelle Fragen an… Annett Hartwecker

„Wer Vergaberecht nur als Bremse sieht, schaut auf das falsche Problem. Es ist das Navigationssystem – und manchmal auch der Realitätscheck.“

ProfilfotoMit unserem neuen Interview-Format „7 schnelle Fragen“ geben wir regelmäßig Einblicke in die Köpfe und Karrieren von Persönlichkeiten aus Vergabe und Beschaffung. Wir sprechen über fachliche Themen, persönliche Erfahrungen und darüber, was die Menschen in unserer Branche bewegt – kompakt und praxisnah. Dieses Mal im Interview: Annett Hartwecker. Sie ist seit über 11 Jahren im Vergabe- und Beschaffungswesen unterwegs und als Anwältin für Öffentliches Wirtschaftsrecht und Vergaberecht bei gunnercooke in Berlin tätig.

Liebe Frau Hartwecker, wie sind Sie eigentlich zum Vergabe- & Beschaffungswesen gekommen – Zufall oder Plan?

Eine bewusste Entscheidung. Ich wollte dahin, wo Recht nicht im Elfenbeinturm bleibt, sondern Wirkung hat. In Infrastruktur, Health Care, IT und Verteidigung entscheidet sich nicht an schönen Meinungen, sondern daran, ob etwas tatsächlich beauftragt, geliefert und betrieben werden kann. Vergaberecht ist genau diese Schnittstelle. Irgendwann war mir klar, dass ich dorthin will. Dass ich heute Partnerin bei gunnercooke bin, ist die konsequente Fortsetzung davon – auch wenn mein jüngeres Ich beim Wort „Vergaberecht“ vermutlich erst einmal das Lexikon bemüht hätte.

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, eine Karriere im Vergabewesen anzustreben?

Weil man hier nah dran ist an echter Umsetzung. Ich sitze nicht nur über Paragrafen, ich steuere komplexe Vorhaben durch ein enges Regelwerk, ohne den Blick für das Ziel zu verlieren. Ich muss technische Anforderungen verstehen, wirtschaftliche Interessen sauber einordnen und das Ganze so übersetzen, dass es vergaberechtlich trägt. Und ja, es geht dabei um Themen, die politisch und gesellschaftlich zählen. Das macht die Arbeit anspruchsvoll. Und sehr relevant.

Wenn Sie eine Sache an der öffentlichen Beschaffung oder am Vergaberecht ändern könnten – welche wäre es?

Ich würde dieses Dauermärchen beenden, das Vergaberecht sei die Ursache jedes Scheiterns. In der Praxis scheitert es viel öfter an Projektsteuerung, an unklaren Zielen, an falscher Risikoverteilung oder daran, dass man zu spät sauber strukturiert. Und aus genau dieser Erzählung folgt dann oft der falsche Schluss, man müsse vor allem den Rechtsschutz zurückfahren, um schneller zu werden. Die Instrumente für Tempo und Handlungsfähigkeit sind da. Wir müssen sie nur professionell einsetzen. Was wir nicht brauchen, ist weniger Rechtsschutz unter dem Deckmantel „Effizienz“. Nur weil man die Ampel abbaut, fließt der Verkehr nicht automatisch schneller.

Welche Innovation hat Ihren Arbeitsalltag zuletzt am meisten bereichert?

Die nüchterne Erkenntnis, dass Legal Tech inzwischen wirklich produktiv ist. Wir setzen KI gezielt ein, wenn Datenmengen so groß werden, dass man ohne Technik blind wird – etwa in komplexen Nachprüfungsverfahren. Aber immer mit anwaltlicher Kontrolle und Verantwortung. Das nimmt uns Routine ab und schafft Luft für das, was Mandanten tatsächlich weiterbringt: Taktik, Argumentation, Strategie. Und manchmal auch schlicht der richtige Instinkt im richtigen Moment.

Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der frisch im Vergabe- und Beschaffungswesen startet?

Verstehen Sie die Technik hinter dem Produkt. Ohne das bleiben Sie im Formalen stecken. Und verstehen Sie die Logik des Projekts. Bei Cloud, Verteidigung oder PPP ist nicht der schönste Vergabetext entscheidend, sondern ob Leistungsbild, Schnittstellen und Steuerung sauber sind und ob Risiken dort landen, wo sie auch gemanagt werden können. Das ist die eigentliche Gestaltungsarbeit. Wenn Sie das beherrschen, werden Verfahren nicht „abgewickelt“, sondern Vorhaben wirklich möglich gemacht. Und dann hilft etwas Gelassenheit – nicht als Spruch, sondern als Handwerk unter Druck.

Abseits der Beschaffung: Was wäre Ihr zweitliebster Job?

Diese Frage unterstellt, dass ich mich entscheiden muss. Ich habe mir meine Arbeit so gebaut, dass ich das verbinden kann, was mich antreibt: Beratung auf hohem Niveau, Lehre, Publikation und echte Gestaltung. Genau diese Mischung aus Unabhängigkeit und Wirkung ist selten. Deswegen fällt mir kein „Zweitberuf“ ein, der das ernsthaft ersetzen würde.

Was verbinden Sie mit dem Deutschen Vergabenetzwerk (DVNW)?

Das DVNW ist das Klassentreffen der Branche. Man trifft dort Menschen, die die gleichen Baustellen kennen und die gleichen Debatten führen – mit Substanz. Austausch, Reibung, Praxis. Und häufig auch der Moment, in dem man merkt, dass man mit seinem Augenrollen über die nächste Reform nicht allein ist.

Vielen Dank, Frau Hartwecker, für die offenen Einblicke und das spannende Gespräch!


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