
Digitale Souveränität, strategische IT-Beschaffung und die Zukunft der öffentlichen Verwaltung standen im Mittelpunkt des diesjährigen IT-Vergabetags. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten am 10. Juni in Berlin, wie Vergabestellen die digitale Transformation aktiv mitgestalten können – und welche Rahmenbedingungen notwendig sind, um Versorgungssicherheit, Innovationsfähigkeit und rechtliche Anforderungen miteinander zu verbinden.
Digitale Souveränität als zentrale Zukunftsaufgabe
Bereits in der Begrüßung machte Marco Junk, Gründer & Geschäftsführer, Deutsches Vergabenetzwerk GmbH & DVNW Akademie GmbH, deutlich: Digitale Souveränität bleibt eine zentrale Zukunftsaufgabe der öffentlichen Hand – und ist ein Thema, das gekommen ist, um zu bleiben.
Keynote zur Bedeutung digitaler Souveränität
Den Auftakt im Fachprogramm machte Ralph Brinkhaus, MdB und Sprecher der AG Digitales & Staatsmodernisierung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, mit seiner Keynote zur Bedeutung digitaler Souveränität als staatlicher Aufgabe. Im Mittelpunkt standen dabei grundlegende Fragen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz: Welche Rolle übernimmt der Mensch in einer zunehmend automatisierten Welt? Wer trägt Verantwortung für Entscheidungen? Und welche geopolitischen Auswirkungen hat die Kontrolle über digitale Technologien? Brinkhaus betonte dabei die besondere Bedeutung der öffentlichen Beschaffung, denn die Beschaffer säßen in einer Schlüsselfunktion, da der Staat Ankerkunde sei.
In der sich anschließenden Diskussion vertiefte Prof. Dr. Hermann Hill, Staatsminister a.D. und Experte für Verwaltungsmodernisierung, die Frage nach dem künftigen Leitbild: Steht künftig der „Human in the loop“ oder der „Human in charge“ im Mittelpunkt? Darüber hinaus wurde die Rolle des Föderalismus bei der digitalen Transformation beleuchtet. Brinkhaus plädierte für mehr Beweglichkeit auf Bundesebene und unterstrich die Notwendigkeit eines stärkeren europäischen Zusammenhalts.
Resiliente IT-Strukturen und praktische Bedarfsdeckung
Dr. Johann Bizer, Vorstandsvorsitzender der Dataport AöR, zeigte anhand der Hybridstrategie von Dataport auf, wie öffentliche IT-Strukturen resilienter gestaltet und Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern reduziert werden können. Sein Fazit zum Stand der digitalen Souveränität: Es bestünde weiterhin „viel Aufholarbeit“. Gleichzeitig werde deutlich, dass Künstliche Intelligenz längst auch eine geopolitische Dimension erreicht habe.
Im Zentrum der sich anschließenden Podiumsdiskussion stand die Frage, wie digitale Souveränität und praktische Bedarfsdeckung zusammengebracht werden können. Vertreterinnen und Vertreter aus Bund, Ländern, Wirtschaft und Verbänden diskutierten, welche Rolle die öffentliche Beschaffung beim Aufbau europäischer IT-Strukturen übernehmen kann und welche Handlungsspielräume Vergabestellen bereits heute nutzen können.
Miriam Seyffarth von der Open Source Business Alliance – Bundesverband für digitale Souveränität e.V. und Michael Neuber von der Google Germany GmbH waren sich einig: Digitale Souveränität müsse technisch und operativ gedacht werden. Entscheidend sei nicht allein die Postleitzahl eines Softwareanbieters, sondern die tatsächliche Kontrolle, Gestaltungsmöglichkeit und Resilienz digitaler Lösungen.
Strategische IT-Beschaffung und neue Handlungsspielräume
Weitere Fachbeiträge widmeten sich der strategischen Verankerung digitaler Souveränität in Beschaffungsprozessen, dem Deutschland-Stack, den Auswirkungen des geplanten Vergabebeschleunigungsgesetzes sowie der künftigen Organisation des IT-Einkaufs des Bundes. Dr. Benjamin Häusinger, Referent im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, bewertete das Vergabebeschleunigungsgesetz als wichtiges Signal für die Praxis. Es ermögliche im Sinne eines „Nudging“ mehr Handlungsspielräume und ermutige dazu, innerhalb des bestehenden Rechtsrahmens neue Wege zu gehen.
Workshops und Innovationsforen: Erfahrungsaustausch und Praxisbeispiele
Am Nachmittag standen Erfahrungsaustausch und Praxisbeispiele im Mittelpunkt. In Workshops und Innovationsforen diskutierten die Teilnehmenden unter anderem den Einsatz Künstlicher Intelligenz in Vergabeverfahren, „Buy European“-Strategien, souveräne Cloud-Lösungen, Cybersicherheit und NIS-2 sowie konkrete Best Practices aus der IT-Beschaffung. Dabei wurde deutlich: Moderne Technologien bieten große Chancen, Vergabeverfahren effizienter, rechtssicherer und zukunftsfähiger zu gestalten – vorausgesetzt, strategische Ziele und praktische Umsetzung werden gemeinsam gedacht.
Cloud-Switching, Data Act und neue Einkaufsstrukturen
Den Abschluss bildeten Impulse zum Cloud-Switching von Harald Joos, Cloudbeauftragter der Deutschen Rentenversicherung Bund, im Kontext des Data Acts sowie zur neuen Einkaufs-GmbH des Bundes. Felix Zimmermann, Chief Procurement Officer (CPO) und Referatsleiter Beschaffungsmarkt & Steuerung IT-Einkauf im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS), fasste eine zentrale Herausforderung der öffentlichen IT-Beschaffung zusammen: „Gefährliche Abhängigkeiten haben wir uns selbst eingekauft“ – die Ursache liege „nicht beim Menschen, sondern in der Struktur“.
Danksagung & Ausblick
Unser herzlicher Dank gilt allen Mitwirkenden – den Referierenden, Moderierenden, Workshopausrichtenden sowie allen Teilnehmenden –, die den diesjährigen IT-Vergabetag mit ihren wertvollen Impulsen, engagierten Diskussionen und vielfältigen Erfahrungen bereichert haben. Die Vielzahl an Gesprächen, fachlichen Perspektiven und persönlichen Begegnungen lässt sich in einem Rückblick nur ansatzweise abbilden. Der IT-Vergabetag hat erneut gezeigt: Die Zukunft der öffentlichen IT-Beschaffung entsteht durch Austausch, Zusammenarbeit und den gemeinsamen Blick nach vorn.
Wir freuen uns bereits auf den IT-Vergabetag 2027, dann in seiner 10. Ausgabe, und den weiteren Dialog mit der Vergabe- und IT-Community:
Save the Date: IT-Vergabetag 2027
📅 9. Juni 2027
📍 Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Merken Sie sich den Termin schon jetzt vor und gestalten Sie auch 2027 die Zukunft der öffentlichen IT-Beschaffung aktiv mit:
Hier geht es zum Save-the-Date für den IT-Vergabetag 2027.
Copyright Fotos: Jens Schicke






























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